Achtsamkeit – alles nur ein Hype?

Auf unserem letzten Minimalismus-Stammtisch beschäftigten wir uns mit dem Thema Achtsamkeit. Dieses Mal gab es keinen Vortrag als Input, sondern einfach nur ein Gespräch in einer Runde von ca. zehn Personen. Zu Beginn wurde klar, dass einige eine eher skeptische Einstellung zur Achtsamkeit hatten und es als Hype/Trend im Rahmen esoterischer Strömungen betrachteten. Doch mit dem Voranschreiten des Gesprächs kamen viele interessante Aspekte auf. In diesem Artikel möchte ich mich daher der Achtsamkeit widmen.

Was ist Achtsamkeit überhaupt?

Laut Wikipedia ist Achtsamkeit …

„ein Moment passiver Geistesgegenwart, in dem ein Mensch hellwach den gegenwärtigen Zustand seiner direkten Umwelt, seines Körpers und seines Gemüts erfährt, ohne von Gedankenströmen, Erinnerungen, Phantasien oder starken Emotionen abgelenkt zu sein, ohne darüber nachzudenken oder diese Wahrnehmungen zu bewerten.“

Der Aspekt des „im Moment seins“ wird häufig als der Kernpunkt von Achtsamkeit dargestellt. Ein Beispiel, das mir immer wieder begegnet ist, ist das Abspülen ohne jegliche Ablenkung.

„Focused Mode“ oder „Diffuse Mode“?

Ich finde diese Sicht auf Achtsamkeit teilweise problematisch, da es davon ausgeht, dass wir Menschen in jedem Moment immer mit unserer gesamten Aufmerksamkeit bei einer Sache sein sollten. Ich kann durchaus unterstützen, dass Multi-Tasking oft suboptimal ist, aber eine solch einfache Sache wie Geschirrspülen kann auch gut erledigt werden während man Musik oder einen Podcast hört. Wobei ich auch Vorteile darin sehe einfache Tätigkeiten ohne Ablenkung zu erleben. In solchen Momenten kann das Gehirn gut abschalten und in einen kreativen Modus geraten. Vermutlich kennt es jeder, dass ihr/ihm verrückte Ideen beim Duschen oder kurz vorm Einschlafen kommen. In solchen Momenten gleiten die Gedanken und wir sind in einem sogenannten „Diffuse Mode“. Das Gegenstück dazu ist der „Focused Mode“, in dem wir einer (eher komplizierten) Tätigkeit mit voller Aufmerksamkeit nachgehen.

In unserer westlichen Arbeitswelt ist dieser Focused Mode sehr gefragt – die Arbeit soll mit voller Aufmerksamkeit und ohne Fehler erledigt werden. Dabei beobachte ich jedoch immer wieder, dass sich viele Menschen von Benachrichtigungen auf dem Smartphone ablenken lassen. In der Schule sehe ich es immer seltener, dass meine Schüler_innen über einen längeren Zeitraum fokussiert bei der Bearbeitung einer Aufgabe bleiben können.  Teilweise musste ich schon Handys einsammeln, um für eine echte Arbeitsatmosphäre zu sorgen. Und auch in meinem Umfeld beobachte ich immer wieder Personen, die nicht mit voller Aufmerksamkeit bei einem Gespräch bleiben können und immer wieder ihr Smartphone raus holen. Wobei ich auch zugeben muss, dass ich das selbst auch manchmal mache – oft mit der Intention auf die Uhr zu schauen. Bin ich dann am Handy, ist die Ablenkung oft nicht weit. Wenn ich eine neue Nachricht oder  Benachrichtigung bekommen habe, vergesse ich häufig bereits in diesem Moment, wofür ich das Gerät eigentlich herausgeholt habe und weiß wenige Sekunden später gar nicht, wie spät es ist.

Hält unser Smartphone uns von Achtsamkeit ab?

Ich würde „ja“, sagen. Unsere moderne Technik fordert durch ihre Schnelligkeit auch immer eine schnelle Reaktion. Für viele junge Menschen ist es schon eine „Katastrophe“, wenn sie nach einer Stunde keine Antwort von der Freundin oder dem Freund haben. Und dank blauer Haken kann man ja auch schnell nachvollziehen, ob die Nachricht gelesen wurde oder nicht.

Doch nicht nur unser „Focused Mode“ wird vom Smartphone gestört, auch der „Diffuse Mode“ kann oft gar nicht mehr entstehen, da jeder noch so kleine Moment in dem Langeweile entstehen könnte, mit irgendwas gefüllt wird. Warten auf den Bus? Schnell das Handy raus und ein Spiel spielen.

Doch nicht nur unsere innere Wahrnehmung ist durch die Technik beeinflusst, auch die Wahrnehmung unseres Umfelds wird immer mehr ausgeblendet. So war ich vor kurzem mit meiner Klasse auf Klassenfahrt und konnte beobachten, wie die Jugendlichen zusammen saßen und alle auf ihre Handys starrten. Wie absurd, denn sie hatten sich die Reise gewünscht, um „Zeit miteinander zu verbringen“.

Achtsamkeit und unsere Umwelt

Dabei finde ich insbesondere den Aspekt der Wahrnehmung der direkten Umwelt an der Achtsamkeit interessant. So sollten wir nicht nur einfach essen, sondern uns auch bewusst machen, was wir da eigentlich zu uns nehmen. Wie viel Arbeit, wie viele Ressourcen und vielleicht auch wie viel Leid (von Mensch und Tier) darin steckt.

Doch diese Bewusstheit scheint in unserer westlichen Gesellschaft eher unerwünscht – Konsument_innen, die das Produkt und seine Herstellung hinterfragen sind viel zu komplizierte Kund_innen und „schaden der Wirtschaft“.

Dass unser unreflektierter Massenkonsum gleichzeitig jedoch Mensch, Tier und Natur schadet – das ist im Kapitalismus nebensächlich.

Mein Fazit

Von daher sehe ich in der Achtsamkeit einen tollen Begriff, der uns wieder mehr Bewusstsein und auch Genuss bringen kann, der dafür sorgt, dass wir tatsächlich mit den Menschen um uns herum im Moment sind und uns unserer Handlungen und dessen Auswirkungen im größtmöglichen Maße bewusst sind. In der Achtsamkeit können wir uns sowohl Momente der Fokussierung, als auch der kreativen Abschweifung gönnen und bestimmen selbst unser Leben – nicht unser Smartphone.

Kleine Tipps zu mehr Achtsamkeit

An dieser Stelle ein paar kleine Tipps, wie man mehr Achtsamkeit im Leben gewinnen kann:

  • bewusst mal nichts tun und langweilen – reduziert Stress, entspannt
  • alle Spiele-Apps vom Handy löschen und beim Warten auf den Bus/die Bahn einfach mal das Smartphone in der Tasche lassen
  • eine Armbanduhr tragen und darauf schauen, statt aufs Smartphone
  • sich Zeit nehmen, um sich mit Themen zu beschäftigen – z.B. in Erfahrung bringen, wo das eigene Essen her kommt, unter welchen Umständen es hergestellt wird und welche weitere Effekte es hat
  • Meditieren (okay, das klingt abgedroschen, hilft einem aber in der restlichen Zeit fokussierter und weniger abgelenkt zu sein)
  • sich Zeit für andere Menschen nehmen und nicht den eigenen Kalender überquillen lassen
  • voll und ganz bei einer Tätigkeit sein und irgendwann in einen Flow kommen

Der Beitragsbildvektor wurde durch Freepik entwickelt

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