Warum ich Radfahren liebe und doch hauptsächlich Öffis fahre

In meiner Nachhaltigkeits-Bubble sehe ich immer wieder, wie darauf hingewiesen wird, dass wir mehr mit dem Rad fahren sollten. Dem stimmte ich prinzipiell zu, jedoch sind dafür auch bestimmte Bedingungen notwendig, die leider nicht immer erfüllt sind. Was ich damit genau meine erkläre ich in diesem Artikel.

Ich lebe in Berlin, bin hier geboren und habe auch die meiste Zeit meines Lebens in dieser Stadt verbracht. Schon als Kind fuhr ich mit der U-Bahn eine Stadtion zu meiner Grundschule. Eine Monatskarte zu haben war für mich immer schon normal. Mit Anfang 20 hatte ich dann ein Auto, aber trotzdem immer noch eine Monatskarte. Der Verkehr in Berlin ist nämlich die Hölle – und hier sind wir schon beim Kern des Problems, um das es gehen soll. Die Stadt wird von Autos eingenommen: Sei es indem die Straßen zu Stoßzeiten und oft genug darüber hinaus verstopft sind oder dass die Straßen selbst häufig sogar noch in der zweiten Reihe zu geparkt sind. Autos sind, wie Bo Van Le-Mentzel mal in einem Vortrag sagte, unsozial. Sie nehmen 95% der Zeit einen Parkplatz ein – oder in anderen Worten: Ein Auto steht durchschnittlich 23 von 24 Stunden am Tag. Wer ein Auto hat, nimmt sich Gemeinschaftsraum für die eigene Bequemlichkeit. In den drei Jahren mit meinem Twingo war ich eine dieser Personen. Da – wie bereits beschrieben – viele Staus und Parkprobleme in Berlin bestehen, hatte ich in dieser Zeit trotzdem immer noch eine Monatskarte und tagtägliche Wege wurden damit zurück gelegt. Als ich für mein Masterstudium nach Darmstadt zog, wurde das Auto verkauft und ich bekam ein Fahrrad. Das war eine wirklich sinnvolle Entscheidung, denn Darmstadt ist klein, hat wenige Parkplätze, der Stadtkern ist verkehrsberuhigt und der darmstädter öffentliche Nahverkehr hat keine so gute Taktung wie der in Berlin. So fuhr ich fünf Minuten mit dem Rad in die Uni – was ein absoluter Luxus ist.

Als ich wieder nach Berlin zog war eine der wichtigsten Sachen mir wieder eine Monatskarte zu besorgen, denn die Stadt ist groß und wenn ich Freund:innen besuchen wollte, war das nicht immer „mal eben“ mit dem Fahrrad zu fahren. Abgesehen davon, dass ich es absolut nicht leiden kann im Regen oder bei Glätte und Kälte zu fahren. Doch ein viel größeres Argument gegen das Radfahren durch die Stadt basiert auf politischen Entscheidungen. Und damit bin ich auch bei meiner Kernkritik: Es wird immer wieder beim Thema Nachhaltigkeit von individueller Verantwortung und Verhaltensänderungen gesprochen, dabei hat die Politik die wahre Wirkmacht. Es sind nämlich politische Entscheidungen, dass wir hier so viel Parkraum zur Verfügung stellen, statt auf den Flächen Gemeinschaftsangebote für Anwohner:innen zu schaffen. Andere Städte sind diesbezüglich schon viel weiter. So habe ich in Wien viele Cafés gesehen, die ihren Sitzbereich auf den Parkplatzbereich ausweiten durften und in Brügge gibt es fast gar keine Parkplätze, die wenn sie vorhanden sind, mit hohen Gebühren belegt werden. Stattdessen können Besucher:innen ihr Auto in einem außerhalb gelegenen Parkhaus relativ kostengünstig für längere Zeit abstellen und dann mit dem Parkticket den Bus in die Stadt nehmen. Ähnliche Konzepte zur Verbannung von Autos würde ich mir in Berlin auch wünschen. So lange berliner Politiker:innen das Autofahren immer noch so attraktiv machen, werden wenige Menschen auf nachhaltige Alternativen umsteigen. Und so lange die Straßen immer noch von Autos überfüllt sind, werden auch weniger Menschen Rad fahren. Radfahren in Berlin ist nämlich auch eine gefährliche Angelegenheit und ich persönlich steige lieber in die S-Bahn als mit dem Rad durch den Stadtkern zu fahren. Denn was noch hinzu kommt ist: die Menschen fahren unglaublich rücksichtslos! Schulterblick? Kennt man nicht. Blinker setzen? Eventuell. Auch hier könnten politische Entscheidungen die Situation für Radfahrer:innen verbessern. Mehr Verkehrskontrollen und 30er-Zonen könnten im wahrsten Sinne des Wortes Leben retten!

Doch was ist nun das Fazit dieser Gedankengänge? Nun, Nachhaltigkeit ist weniger individueller, als politischer und wirtschaftlicher Natur. Daher sollten wir alle auf individueller Ebene unseren Handabdruck, also unseren Einfluss auf die Politik vergrößern und sie dazu antreiben gute alternative Verkehrskonzepte in den Städten umzusetzen. Es lohnt sich für uns alle, denn so bekommen wir Gemeinschaftsräume, haben weniger Lärm und Schmutz vor der Haustür und können sicher mit dem Rad von A nach B fahren, was den positiven Effekt der Bewegung und damit der Verbesserung des Herz-Kreislaufs mit sich bringt.

Wie empfindest du das Verkehrskonzept deiner Stadt? Was würdest du gerne ändern und wie setzt du dich dafür ein? Schreib mir gerne einen Kommentar.

Der Beitragsbildvektor wurde durch Freepik entwickelt

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